DER HUND MUSS WEG.

VON DEBORAH AX - 22.01.2018

Atmen tut gut. (#dielösungfürdiemeistenproblemeistatmen)

 

Das war die Antwort auf die Frage die Jeannine mir heute gestellt hat als hätten sie in meinen Kopf geschaut, gestern Nacht um 3 Uhr als die Nerven blank lagen: das Baby zahnt mit Fieber und allem drumrum, auch mein Sohn und ich schreiten der Grippe in großen Schritten entgegen, wir leben zwischen 2 Baustellen und der Hund braucht ein neues Zuhause weil wir uns uneinig sind über die Belastungen die ein Hund für alle bedeutet. Ich bin pro Hund - mein Mann contra und er fühlt sich überfordert mit der Verantwortung für den Ausbau und die Baustelle, seiner (noch-)Vollzeitstelle, die Bedürfnisse der Familie und jetzt auch noch den Bedürfnissen des Hundes.Ich kann das verstehen bin aber auch wehmütig und Gefühle des versagt habens kommen hoch. Und wir lieben ihn schon... :'-( 

 

Hat man sich nicht für etwas entschieden und muss dann auch dabei bleiben? Ich empfinde die Mehrbelastung durch den Hund im Alltag beispielsweise gar nicht als belastend sondern als eine Fokusverschiebung und in meiner Wahrnehmung ist das eine Bereicherung. Ich bin den ganzen Tag draußen und zwar nicht um irgendwohin zu laufen um zu konsumieren sondern einfach nur um draußen zu sein. Andererseits verstehe ich auch die Argumente meines Mannes, und viel mehr noch respektiere ich sie. Ich denke an die Worte die meine liebe Greenly letztens sagte "auch zurück gehen kann der Weg nach vorne sein" ♥

 

Und was ich auch letzte Nacht dachte: "Atmen...Einfach erstmal Atmen! Und nicht zermürbende Szenarien in meinem Kopf spinnen und mich fragen was der oder diese von uns halten sondern atmen und sich gewahr sein, dass alles ist wie es ist. Wir wollen uns auf die Leichtigkeit fokussieren (nicht zu verwechseln mit easy going-denn es ist meist alles andere als das). LEICHTIGKEIT IST DIE WURZEL DER ACHTSAMKEIT. Sie steht entgegen all dem was die moderne Gesellschaft uns vermittelt vom Malochen, um zu genügen und dem immer mehr und mehr,schneller und weiter (nur weil jemand schneller bist bedeutet nicht dass er weiter kommt!)... Nicht zu verändern was ist. Aufzustehen und einzustehen dafür weniger zu wollen. Dass JETZT schon genug ist. Dass wir was auch kommt händeln werden. Dass Theatralik unsere Energie raubt aber nichts hinzufügt. Dass Hektik und Hetze die Seele gefangen nehmen... Nicht wir müssen gestalten, wir müssen offen bleiben und das Leben durch uns fließen lassen und annehmen was uns gegeben wird. Und daran unser Potential entfalten von Veränderung und Wachstum. Dann finden wir Leichtigkeit mit den Dingen die kommen und gehen. Der Druck wird weniger. Wir können atmen! Alles wird eine Übung und das Leben unser Lehrer. Dann werden wir wieder die Sterne über uns bemerken und die Atmung wird das Fundament unseres Daseins. Dann können wir loslassen und Leichtigkeit wird zu unserer Hymne.

 

(Die Wildblumen hat mein Sohn mir letzten Herbst gepflückt! Ich liebe ihn!)

VÄTER, DIE IM SCHWARZEN LOCH VERSCHWINDEN.

VON EUGEN LUTZ - 12.12.2017

Wenn ich mit meiner Tochter im Tragetuch unterwegs bin - sei es zum Einkaufen oder Spazieren - ernte ich oft viele verschiedene Blicke. Meistens sind es Frauen, oder auch Mütter, die einen anerkennungsvoll anlächeln. Und ich fühle mich unwohl damit. Denn ich mache doch nichts anderes als meine Frau auch?!  Es ist aber tatsächlich eher eine Seltenheit, dass man zumindest in der Öffentlichkeit sieht, wie ein Vater sich aktiv in die Erziehungseiner Kinder investiert.

 

Aber warum ist das so?

 

Ich kann an dieser Stelle nur Vermutungen aufstellen und möchte keinem Vater etwas böses unterstellen - dass er beispielsweise gerne wegbliebe vom Geschehen Zuhause. Ich gehe stark davon aus, dass jeder sein Bestes versucht und nicht bewusst Schaden anrichten will und sich oft sogar den gesellschaftlichen Strukturen ausgeliefert sieht; "einer muss ja das Geld verdienen" oder "ich kann nicht überall gleichzeitig sein". Ich bin stärker sensibilisiert für andere Väter, da ich mich in der gleichen Lage befand.

 

Der ausschlaggebende Punkt meiner Meinung nach: Bewusstsein über sein eigenes Handeln.

 

Es bedarf einer bewussten Entscheidung, um nicht in eine Haltung oder typisches Rollenbild zu verfallen. Schließlich bekommt man es oft genau so vorgelebt und übernimmt diese Dinge dann ganz automatisch und unbewusst.

Ich kenne das und habe Das selbst gelebt. Der Vater, der hauptsächlich das Geld verdient, der sich um die finanziellen Nöte und Sorgen verpflichtet fühlt. Das Verharren in altbekannten Strukturen oder Rollenverteilungen und dabei doch der Anspruch irgendwie das Beste daraus machen zu wollen. Für mich und für uns als Familie war das sehr unbefriedigend. Eine Zerreißprobe, und das stetige Gefühl trotz aller Anstrengung doch nicht genug zu leisten. Ich konnte nicht teilhaben am Familienleben, meine Frau kann sich im Gegenzug nicht oder nur begrenzt beruflich betätigen und beteiligen. Jetzt haben wir haben eine Balance für uns gefunden. Nach umfassendem Reflektieren unserer Lage, Denkmustern, Glaubenssätzen und unseren Zielen.

 

Entgegen meiner früheren Ansicht - in welcher ich die Überzeugung vertrat für den materiellen Wohlstand meiner Familie zu sorgen- gewann ich die Erkenntnis, dass es äußerst wichtig für meine Kinder und meine Frau ist, als Vater nicht in einem schwarzen Loch zu verschwinden.

Ich möchte anderen Eltern - und vor allem Vätern - zeigen und sagen, dass eure Kinder euch brauchen! (auch eure Frauen!) Und auch ihr braucht sie! Das ist keine Einbahnstraße. Eine aktive Beteiligung im Alltag eures Kindes kann euch ungemein viel zurückgeben. Ihr könnt Lernen, von euren Kindern, von euch selbst. Wenn ihr denn bewusst wollt. Dabei gibt es natürlich keinen Königsweg. Wichtig ist nur: seid greifbar für eure Kinder. 

 

Sie lernen nicht durch eure Worte oder Weisheiten, die natürlich schön klingen und auch sehr wahrscheinlich wohl bedacht sind. Eure Kinder lernen von euch. Sie lernen von eurem Verhalten, sie werden euch früher oder später imitieren.

 

Seid anwesend!

 

Das ist die allererste Voraussetzung dafür, dass ihr ihnen überhaupt etwas geben könnt. Seid euch bewusst darüber, wie ihr euch verhaltet. Schätzt eure Frau und eure Kinder werden es nachahmen. Schätzt euch selbst und auch eure Kinder werden sich selbst schätzen.

 

Söhne werden irgendwann zu euch Vätern aufschauen und sie werden genau so sein wollen wie ihr. Sie werden das gleiche anziehen wollen wie ihr, sich ihren Mitmenschen gegenüber so verhalten wie ihr. Wichtig ist, dass ihr authentisch seid. Arbeitet erst an euch, bevor ihr an euren Kindern arbeiten wollt.

 

Steht zu euren Fehlern, seid geduldig, lebt mit euren Kindern.

 

Es ist für eine ausgewogene emotionale Entwicklung äußerst wichtig, dass ein Kind mit zwei Elternteilen aufwächst. Dadurch lernt ein Kind, wie es mit komplexen emotionalen Vorgängen umgehen kann. In den ersten Lebensjahren bereits lernt es dadurch in einem ersten, festen sozialen Gefüge zu leben. Sie werden euch schon sehr früh wahrnehmen als eigenständige Wesen, mit ihren eigenen Vorzügen, Schwächen, Interessen. Es ist von großer Bedeutung, dass ihr eurem Kind das gebt was es braucht - vor allem wann es das braucht. Kinder durchleben ihre Entwicklungsphasen und in diesen Phasen sollten sie durch euch bekommen was sie benötigen. Wie eine Pflanze, die anfangs ihr Wasser und eventuell Dünger braucht, damit sie aus dieser Phase stark werden kann. Es ist ungemein schwer hier Verpasstes nachzuholen. Sicher nicht unmöglich, aber es kostet noch mehr Kraft und Zeit, als am Anfang, in der entscheidenden Zeit. Und wenn man diese Kraft und Zeit zu Beginn nicht aufbringen wollte oder konnte, wird man den Mehraufwand später sehr wahrscheinlich nicht machen...Für alles gibt es Zeitfenster, einige sind irgendwann zu.

 

Seid für eure Kinder da, ob ihr jetzt selbst zu Hause seid oder eure Kinder mit euch nehmt, ihnen zeigt wie und wo ihr arbeitet, ihnen zeigt wie sie euch zu jeder Zeit erreichen können, dass ihr euch immer die Zeit für sie nehmen werdet, wenn sie es brauchen. Es geht vorrangig um das Gefühl, das ihr in euren Kindern weckt. Sie sollten sich sicher, angenommen, geliebt fühlen, es selbst fühlen, dass sie das Wichtigste sind!

 

Und um es ganz simpel auszudrücken: liebt eure Kinder.

 

Liebe ist etwas aktives, etwas praktiziertes und kein Lippenbekenntnis. Sie werden es spüren. Und erst wenn sie so etwas selbst erfahren haben, können sie es selbst tun. Erst durch den Bezugspunkt, den ihr durch euer Handeln geschaffen habt, legt ihr den Grundstein dafür, dass euer Kind durch diese Erfahrung weiß was Empathie, Liebe, Sicherheit ist.

 

 

 

 

 

*(Nachtrag von Deborah und Eugen über den Erziehungsbegriff)

 

Wir haben die Beiträge und kritischen Auseinandersetzungen mit dem Begriff „Erziehung“ mitbekommen und gelesen. Meine kritische Auseinandersetzung mit Begriffen wie „unerzogen“ oder „bedürfnisorientiert“ brachten mich zu der persönlichen Erkenntnis, dass ein bedürfnisorientierter Umgang mit Kindern sich mit meiner Definition von Erziehung nicht abstößt. All die Ansätze, die im „Attachment Parenting“ genannt sind, finden sich in meinem Verständnis einer verantwortungsvollen bewussten Erziehung wieder. Ich vertrete die Ansicht, dass ein Formen der Kinder automatisch passiert, rein durch mein Vorleben. Mein Wunsch ist es sich nicht in Begrifflichkeiten und „Regelwerken“ zu verlieren - redet man doch inhaltlich von der gleichen Sache. Ich verstehe, dass man bemüht ist den Begriff „Erziehung“ zu ersetzen, vor allem wenn man den Begriff in den geschichtlichen Kontext bringt. War eine kindgerechte Erziehung in der Vergangenheit doch genau gegensätzlich zu dem was man heute als kindgerecht definiert. Beobachtung und Wissenschaftliche Erkenntnisse zum einen, aber auch die Forschung der Gehirnentwicklung haben die inhaltliche Debatte um Erziehung von grundauf revolutioniert. Für mich ist der Begriff Erziehung hier aber nicht unbedingt zu verändern, sondern die inhaltliche Thematik finde ich ausschlaggebend. Geht man in der Geschichte einige Jahre zurück, so war noch in den 75er Jahren im Bürgerlichen Gesetzbuch zu lesen, dass „dem Manne die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Leben betreffenden Angelegenheiten zusteht“ (BGB 1.1.1990 ; §1354). In Fragen der Haushaltsführung, sowie der Kindererziehung entschied im Streitfall der Mann. Der Arbeitsvertrag einer Frau konnte gegen ihren Willen vom Mann gekündigt werden, und verdiente sie ihr eigenes Geld so stand dieses dem Mann alleine zur freien Verfügung, denn ihm allein gehörten die Einkünfte aus dem Vermögen der Frau. Eine Ehe war im geschichtlichen Kontext gesehen also ein unglaublich frauenfeindliches Modell, welches heute so nicht mehr haltbar ist. Doch wurde nicht der Begriff der „Ehe“ abgeschafft (im gesetzlichen Kontext sprach man lediglich von der Abschaffung der „Hausfrauen-Ehe“) sondern der Begriff der „Ehe“ wurde neu überdacht, und nach und nach inhaltlich verändert, zur Gleichberechtigung der Frau in einer Ehe. Denn heute kann eine Ehe existieren gleichzeitig auch die Gleichberechtigung und Autonomie der Frau. Ähnlich verhält es sich bei mir mit dem Begriff der Erziehung. Man muss einen Begriff nicht abschaffen, der lediglich in seiner Definition veraltet ist. Sowie Ehe heutzutage für viele Männer und Frauen einen tiefer Begriff ist, der vor allem positive Eigenschaften mit sich bringt, so hat der Begriff der Erziehung auch eine Wandlung vollzogen. Man (ich, wir, Menschen die ihre Kinder sehen und ihre Bedürfnisse wahrnehmen) setzt sich ein für die Gleichberechtigung von Kindern in einer Erziehung. Denn Erziehung kann heute existieren, und gleichzeitig auch die Gleichberechtigung und Autonomie des Kindes.

GOLDENE MOMENTE.

VON DEBORAH AX - 02.12.2017

Es ist vollbracht! Unser kleines neues Zuhause hat es auf unseren Platz geschafft und wartet nun darauf von uns ausgebaut zu werden.

Die Anstrengungen der letzten Wochen fallen von uns ab, wir sind wieder einen Schritt weiter gegangen. Die Dinge werden greifbar.  

Einen Tag vor Ankunft des Wagens überlegten wir, wie wir alles bestmöglich gestalten. Im Raum stand, Levi (unseren älteren Sohn) betreuen zu lassen, beziehungsweise die Betreuung aufzuteilen so dass einer von uns beiden auf den Platz fährt und der andere die Kinder betreut, damit wir die Dinge "in Ruhe" erledigen können. Wenn wir ehrlich sind, ist es natürlich mit einer gewissen Anstrengung verbunden - komplett ohne Auto - mit zwei kleinen Kindern, im Zug in eine andere Stadt zu fahren. Und dort soll dann ein 13 Meter langer Anhänger durch enge Gässchen manövriert werden.

Das große Verlangen ihm dieses Erlebnis nicht vorzuenthalten setze sich schlussendlich durch. Gemeinsam fuhren wir dorthin und gemeinsam erlebten wir diesen für uns großen Tag. Den Stichtag sozusagen. 

Unserem Verlangen ihm dieses Erlebnis zu ermöglichen, kann man zwei Motivationsansätze zu Grunde legen:

 

1) Angst, es später einmal zu bereuen den einfacheren Weg gewählt zu haben, wenn wir ihn hätten fremdbetreuen lassen um unsere Dinge in Ruhe und ohne Störfaktor zu erledigen. Zumal er doch sowieso noch "so klein ist und sich später vielleicht gar nicht bewusst daran erinnern kann"... Außerdem ist doch das Event ja jetzt auch nicht soo das Große, er wird schon nichts verpassen... 

 

2) Wir haben für uns erkannt, dass es wertvoller ist gemeinsame  Erlebnisse zu schaffen und zu teilen, anstatt dem anderen davon zu berichten und ihm beispielsweise Bilder zu zeigen. Auch wenn das bedeutet, dass man mehr Zeit einplanen muss, dass es vielleicht anstrengender wird, und man die Bedürfnisse von (in unserem Fall) vier Leuten berücksichtigen muss. 

 

Unsere Handlungsweise ist definitiv dem zweiten Punkt zuzuordnen.

 

Gerade für unseren vierjährigen Sohn ist das BeGREIFEN und das selbstständige Erleben  einer Sache so essentiell für sein Verständnis bzw. sein Zugehörigkeits- und Mitwirkungsbedürfnis (ja, beides ist ein Bedürfnis). In seinem kleinen Kosmos verändern sich viele Konstanten. Wir verlassen nicht nur unseren Wohnort, wir verändern eine gesamte WohnFORM. Zu sehen, dass unser neues Zuhause nun auf Rädern angerollt kommt, trägt viel zu seinem Verstehen bei.

Ich weiß, dass es nicht immer einfacher ist, Erledigungen mit Kindern durchzuführen und ich weiß auch, dass es manchmal entspannter in dem Moment ist, wenn man weiß keiner springt einem um die Beine herum oder könnte einem abverlangen seine Aufmerksamkeit zu teilen. Ich weiß aber auch, dass meine Erwartung sehr viel damit zu tun hat, wie die Dinge ablaufen werden. Wenn ich also weiß, dass es länger dauern wird und wenn ich weiß, dass mein Kind sich nicht durchgehend an das Tempo der Erwachsenen anpassen werden kann, dann kann ich (innerlich) vorbereitet sein und mich wieder entspannen. Ich weiß ja was kommt und kann das dann auch den anderen Beteiligten mitteilen, damit sie sich auch entspannen können. Warum mache ich das Ganze "Theater" also, wenn es doch einfacher ist mein Kind dem Geschehen Außen vor zu lassen? Weil ich nicht schaue was einfacher ist, ich schaue was wichtiger ist. Ich respektiere sein Entwicklungsstadium in dem er sich befindet und grenze ihn deshalb nicht aus. Ja, es wird länger dauern, ja, es wird wohl eine oder zwei Pausen mehr geben, und- ja, wir werden uns entschleunigen müssen, aber wir gewähren unserem Kind teilzuhaben an dem Lebensbild, welches wir malen. Wir gestalten alle zusammen. Und er nimmt die Schnelligkeit heraus. Und das ist gut. Das tut  gut.  

 

So war zum Beispiel das Zwiegespräch bei Kaffee und Bockwurst am Morgen das was mir von dem Tag in Erinnerung bleiben wird. Levi, der Mikis - unseren Unimogfahrer - unbedingt fragen musste ob er Pommes oder "Görber" (Burger) mehr mag.

Oder wie Levi so aufgeregt um das Gespann herumgerannt ist und die verschiedensten Laute (ja, sie waren laut :-D) von sich gab, dass die Anwohner auf die Straße kamen. Sie waren interessiert und wollten wissen was wir damit vorhaben. Keine Anklage warum das Kind so schreit, durch eine Erklärung beruhigt und dann ebenso begeistert. Levi hat das gemacht, das hätten wir Erwachsenen nicht so ohne Weiteres hinbekommen. Levi verbindet Menschen.

Seine Ehrfurcht und Neugier während des Rangierens und sein unendlicher Stolz als er im Unimog mitfahren durfte. Dass er beitragen konnte, dass er überhaupt die Möglichkeit dazu hatte. Und am Ende nach getaner Arbeit auf der Deichsel des Unimogs saß - ohne Schuhe - glücklich, zwischen uns, nach links und nach rechts strahlte, TEIL war - und das auch spürte... Da wusste ich dass es die Anstrengung wert war, dass es das Warten hier und da und den nicht reibungslosen Ablauf wert war. Ich habe nicht nur für ihn Erinnerungen geschaffen, auch ich habe ein unglaubliches Glück verspürt, mein Kind in einer Gemeinschaft mitwirken zu sehen.

 

Mein Bestreben, die Magie der Kindheit im Alltag wirken zu lassen, ihr Platz einzuräumen bei scheinbar belanglosen Aktionen, ihr Aufmerksamkeit zu geben und sie auch erkennen zu wollen... Es wurde reich belohnt. Es gab unzählige kleine goldene Momente, und ich finde die Freude darüber sieht man uns an.

ICH HÖRE AUF.

von EUGEN LUTZ - 26.11.2017

Das war‘s. Ich habe meine Kündigung eingereicht. Mein Job ist weg, samt Einkommen und allen Sicherheiten die damit zusammenhängen. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber der Entschluss war fest und ist auch nicht mehr rückgängig zu machen. An dieser Stelle kommt natürlich die Frage auf:

 

Wieso?!

 

Wie kann man als Familienvater mit zwei kleinen Kindern so einen Schritt wagen? Schließlich trägt man ja Verantwortung; nicht nur für sich, sondern für eine ganze Familie. Man sorgt dafür, dass alle genug von allem haben und es an nichts mangeln sollte.

Aber genau an diesem Punkt setzt auch die Erklärung an: Verantwortung.

Ich trage als Vater eine große Verantwortung. Und diese Verantwortung ist bei genauerer Betrachtung etwas größer als „nur“ der Versorger zu sein. Natürlich ist es naheliegend zu sagen, dass man seinen Beitrag darin sieht dass ausreichend Geld vorhanden ist und wir ein Dach über dem Kopf haben. Dieser Verantwortung will ich mich nach wie vor stellen. Aber wir haben uns entschieden unsere Betrachtungsweise grundlegend zu ändern.

Doch eins nach dem anderen.

Ich kann es keinem übelnehmen, wenn er seine Hände über dem Kopf zusammenschlägt und mir Vorwürfe macht. Das Leben besteht aus vielen Entscheidungen, die wir tagtäglich machen. Und eine dieser Entscheidungen für mich ist auch die zwischen meinem Beruf und meiner Familie. Als ich meine Kündigung eingereicht habe, hat mein Chef gesagt: „Weißt du, ich habe auch Kinder. Und auch ich habe zwei Leben, die ich vereinen muss: als Vater und als Arbeitnehmer.“ Seine Entscheidung fiel also gänzlich anders aus als meine. Ich will mich nicht aktiv für meinen Beruf entscheiden; ich will mich in erster Linie aktiv für meine Familie und für mich entscheiden - alles andere in meinem Leben möchte ich dem unterordnen. Wir setzen Prioritäten. Und diese sah ich als verzerrt an, indem ich 9+ Stunden täglich außer Haus bin, Dienstreisen an dieser Stelle noch ausgeschlossen. Ich verbringe alles in allem etwa 11-12 Stunden meines Tages mit der Lohnarbeit, danach bleiben abzüglich Schlaf noch maximal 3 Stunden für den Rest: meine Kinder, meine Frau, meine Interessen (wie Sport, persönliche Entwicklung und Weiterbildung etc.). Am Wochenende wird dann hastig versucht nachzuholen, was man unter der Woche nicht geschafft wurde.

Für mich war das untragbar. Die stillschweigend von der Allgemeinheit akzeptierte und teilweise sogar glorifizierte Priorisierung der Lohnarbeit ist für mich ein Punkt, der in mir mittlerweile völliges Unverständnis hervorruft. Natürlich trifft da jeder für sich eine Entscheidung. Meine ist jetzt klar.

Ich will mich nicht aus dem Leben enthalten um Geld zu beschaffen. Ich will leben. Versteht mich nicht falsch, ich bin an der Stelle absoluter Realist und verleugne überhaupt nicht die Notwendigkeit von Geld. Aber es ist nun mal, wie es ist: eine Notwendigkeit, mehr nicht. Ich muss nicht zur Schau tragen, wie viel ich habe oder nicht habe, was ich besitze oder nicht besitze. Alleine vor mir selbst muss ich rechtfertigen, ob ich gewisse Besitztümer brauche oder sie auch einfach nicht brauche.

Geld und Gegenstände sind für mich in erster Linie zum Gebrauch da. Und wir haben für uns Entschieden, dass wir diesen Gebrauch ehrlich und schonungslos hinterfragen.

Ich will mich auch nicht durch meinen Beruf oder irgendwelche Abschlüsse, die für mich nicht mehr wert sind als das Papier, auf dem sie gedruckt sind, definieren. Man kann sich nicht verstecken hinter Diplomen, Zeugnissen, Kontoauszügen, Autos, Häusern... die belegen sollen, wer du als Mensch bist - wie gut du als Mensch bist. Ein Selbstbetrug.

In den letzten Tagen und Wochen habe ich sehr viel arbeiten müssen. Wie es nun mal so ist, wenn ein Projekt dem Ende entgegenläuft und ausgeliefert werden muss. Es ist stressig und oft läuft einiges schief. Da muss man nun mal die Zähne zusammenbeißen und es irgendwie durchziehen.

Hier habe ich mich in einer Situation wiedergefunden, die in dem Moment zutiefst abstoßend für mich ist. Ich habe mich komplett unterworfen. Was an sich ja nicht so schlimm ist, es ist ja für einen überschaubaren Zeitraum und danach wird ja alles wieder seine alten Bahnen einnehmen. Was mir aber so deutlich wie nie zuvor war, ist die Intensität und Überzeugung, mit der viele Menschen ihre Arbeit - weiter noch: ihre Firma - wahrnehmen und im wahrsten Sinne sogar leben.

Es ging in diesem Projekt um eine Anlage zur Nahrungsproduktion, die automatisiert werden sollte. Eine Anlage, die 24 Stunden am Tag läuft. Essen herstellt. Im vorgegebenen Takt. Ständig. Am besten Perfekt und ohne Fehler. Und eine unendliche Anzahl an Menschen, die dafür Sorge tragen, dass das auch so bleibt. Dutzende Menschen, die sich im Schichtbetrieb dafür aufopfern, dass das Herz dieser Maschinen weiter schlägt. Sie muss leben. Damit auch sie leben können. Diese Maschinen liefern nicht nur Nahrung, sie liefern auch Profit. Und davon hängt das Leben der Menschen ab, die um sie herum arbeiten und leben, mit Kitteln und Hauben, ihr Leben für diese Maschinen geben. Es wird alles dem Rhythmus der Anlage untergeordnet. Sie brauchen die Anlage. Die Anlage ernährt nicht nur die Käufer ihrer Produkte, die Anlage ernährt auch die Familien der Menschen, die sich so aufopferungsvoll dafür entschieden haben, alles zu tun, damit das Herz nicht aufhört zu schlagen. Und sie nährt nicht nur die Familien und stillt ihren Hunger, sie nährt auch alles was noch damit zusammenhängt: Hoffnung, Gier. Selbstwert. Sie soll mehr produzieren. Es muss optimiert werden. Der Profit muss größer werden.

Ich fand mich in Gedanken wieder, die einen blanken Ekel in mir hervorriefen. Denn ich war mitten unter ihnen. Schleichend haben sich ähnliche Muster auch bei mir und in meinem Leben etablieren wollen. Es war mir ab hier nicht mehr möglich das alles auszublenden.

Das Gesehene kann nicht mehr ungesehen sein.

 

Mir ist es wichtig ein ehrliches Leben zu führen. Ein Leben, das seinen Namen auch verdient. Ich möchte mit Überzeugung für etwas leben. An dieser Stelle ist die Überzeugung meine Familie und ich. Das Gute in meinem Leben.